CUI: Advanced Imaging of Matter
Imaging of Matter
Foto: UHH/Denstorf
5. Juni 2026

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Um stark wechselwirkende Materie fernab vom Gleichgewicht zu verstehen, sind sowohl genau definierte Anfangsbedingungen als auch eine konsistente Beschreibung der Entwicklung des Systems erforderlich. Forschende der Universität Hamburg haben nun gezeigt, dass sich der Übergang von einem dichten Rydberg-Gas zu einem ultrakalten Plasma systematisch untersuchen lässt, indem die Anfangsenergie der bei der ultraschnellen Anregung erzeugten Elektronen variiert wird. Die in „Communications Physics" veröffentlichte Studie liefert ein stimmiges mikroskopisches Bild dieses Übergangs.
Ultrakalte atomare Gase bieten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine außergewöhnliche Plattform, um Materie unter streng kontrollierten Bedingungen zu untersuchen. In ihren Experimenten untersuchen Prof. Klaus Sengstock, Prof. Markus Drescher und ihr Team eine Wolke aus Atomen, die durch einen ultrakurzen Laserimpuls entweder ionisiert oder in sogenannte Rydberg-Zustände angeregt werden. In diesen Zuständen wird ein Elektron durch Anregung weit vom Kern entfernt, sodass ein ungewöhnlich großes und gegenüber seiner Umgebung äußerst empfindliches Atom entsteht. Werden viele solcher Atome in unmittelbarer Nähe erzeugt, interagieren sie stark miteinander und können nicht mehr als unabhängige Teilchen betrachtet werden.
In der vorliegenden Studie untersuchten die Forschenden die Reaktion einer dichten Wolke ultrakalter Rubidiumatome auf die Anregung durch einen einzelnen Femtosekunden-Laserpuls. Sie konzentrierten sich dabei auf den Übergang von einem Gas aus angeregten Rydberg-Atomen in einen teilweise ionisierten, plasmaähnlichen Zustand, der durch diese ultraschnelle Störung ausgelöst wird.
Ein entscheidender Parameter in diesem Prozess ist die Anfangsenergie der angeregten Elektronen. Sie legt die Ausgangsbedingungen des Systems fest und beeinflusst, ob der resultierende Zustand von freien Ionen und Elektronen, wie in einem ultrakalten Plasma, dominiert wird oder ob Rydberg-Atome weiterhin eine wichtige Rolle in der Dynamik spielen. Durch Anpassung der anfänglichen Elektronenenergie konnten die Forschenden die Entwicklung des Gleichgewichts zwischen freien Elektronen, Ionen und Rydberg-Atomen nachvollziehen.
Die Ergebnisse zeigen, dass der Anregungsimpuls unmittelbar Vielteilchendynamik auslöst und Prozesse in Gang setzt, bei denen Rydberg-Atome ionisiert werden oder bei denen umgekehrt ein Ion und ein freies Elektron zu einem Radberg-Atom rekombinieren. „Wir haben festgestellt, dass die frühe Dynamik nach der Anregung bereits über das endgültige Gleichgewicht von Ionen, Elektronen und Rydberg-Atomen entscheidet“, sagt der Erstautor der Arbeit, Dr. Mario Großmann.
Die experimentellen Ergebnisse werden durch fortschrittliche numerische Simulationen gestützt. Diese berücksichtigen die Wechselwirkungen zwischen Ionen, Elektronen und Rydberg-Atomen und zeigen eine quantitative Übereinstimmung mit den Messungen. Zusammen zeigen Experiment und Simulation, dass dasselbe mikroskopische Modell die Entstehung ultrakalter Plasmen aus dichten Rydberg-Gasen über verschiedene Anregungsbereiche hinweg beschreiben kann. „Diese Übereinstimmung liefert ein konsistentes mikroskopisches Bild davon, wie ultrakalte Plasmen aus dichten Rydberg-Gasen entstehen“, sagt Dr. Philipp Wessels-Staarmann.
Die Ergebnisse vertiefen unser Verständnis von stark wechselwirkenden Vielteilchensystemen fernab vom Gleichgewicht – ein Thema, das in zahlreichen Bereichen von der Festkörperphysik bis zur Astrophysik von großer Bedeutung ist. Mit Blick auf die Zukunft werden eine verbesserte Kontrolle über den Anregungsprozess und präzisere theoretische Modelle für künftige Anwendungen unerlässlich sein, insbesondere bei der gezielten Gestaltung wechselwirkungsgesteuerter Dynamiken in dichten Quantensystemen.
Mario Großmann, Jette Heyer, Julian Fiedler, Markus Drescher, Klaus Sengstock, Philipp Wessels-Staarmann & Juliette Simonet
Commun. Phys. 9, 170 (2026)